Buchhinweis im 
Februar
 
2013
 

Aller Tage Abend

Jenny Erpenbeck
Verlag Knaus

Ein Kind wird im Jahre 1902 in einer galizischen Kleinstadt geboren. Was wird sein Leben sein? Es stirbt kurz nach der Geburt. Aber es bleibt die Hauptperson, die den Leser durch eine spannende Zeit begleitet. Es beginnt eine Reise durch viele Leben, die das nun tote Kind hätte leben können, hin durch Zeiten, die ein Leben hätten ausmachen können. Die Reise führt über Aufenthalte in Wien und Moskau nach Berlin, in Deutschlands Hauptstadt, wo sich in den Nachkriegsjahren bis zum Mauerfall so Vieles ereignet.

Ein Grossteil des Lebens findet im damals stalinistischen Teil Europas statt. Was es da nicht alles gibt, wie viel in diesem Leben passiert, wie hart Schicksale Menschen treffen, wie alles verzweigt und miteinander verflochten sein kann, all das erfahren wir in Erpenbecks Roman, meisterlich erzählt.

Beim Lesen des Buches wurde mir wieder mal klar, wie wenig ich aus der Zeitgeschichte des damals kommunistisch regierten Teils Europas weiss. Wie viel da einfach ganz anders als bei uns strukturiert und organisiert war. Wie viel sehr gut geklappt hat, und wie viel aber auch schief gelaufen ist und tragisch geendet hat.

Erpenbecks Lebensgeschichten werfen ein Licht auf die grossen Themen eines Jahrhunderts, das an Kriegen und Entbehrungen, an Leiden und Not gelitten hat.  

Erpenbecks Erzählkunst ist fantastisch. Im Nachkriegs-Wien zum Beispiel geht eine Frau im Winter durch die Stadt: Margaretenstrasse, Heumühlgasse, Rechte Wienzeile, quer über den Naschmarkt, linke Wienzeile, Girardigasse, Gumpendorferstrasse, Stiegenhauses, Windmühlgasse. Und überall liegt Schnee zu beiden Seiten der Strasse, Mariahilfer Strasse, Babenberger Strasse, Opernring. Und überall ist es glatt, spiegelglatt. Die Frau geht einkaufen. Die Zeit, in denen es selbstverständlich war, dass der Schnee geräumt und zur Donau geschafft wurde, ist vorbei. Die gefallenen Männer fehlen. Es sind nur noch einige Kriegsinvalide, Frauen und Männer  damit beschäftigt, notdürftig den Schnee zu räumen.

Ich habe Jenny Erpenbeck im Aargauer Literaturhaus (Müllerhaus) in Lenzburg aus eben ihrem neusten Roman lesen hören. Es war eine einmalige Gelegenheit, auch ihre persönliche Seite kennen zu lernen. Die Moderatorin des Abends, Sibylle Birrer, stellte die Autorin vor und entwickelte ein wertvolles, aufschlussreiches Gespräch. Jenny Erpenbeck gilt als eine der interessantesten Stimmen der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart. Sie wurde 1967 geboren. Auf ihren früheren Roman „Heimsuchung“ bin ich im Buchhinweis vom Mai 2008 eingegangen.