Buchhinweis im
Oktober
2007
Das Wunder von Florenz
Ross King Architektur und Intrige: Wie die schönste Kuppel der Welt entstand. btb -Taschenbuch. Goldmann
Nachdem ich das Taschenbuch mit seinen etwas über 230 Seiten das erste Mal gelesen hatte, stand fest, dass ich es mir bald nochmals vornehmen würde. Nicht, weil ich den Inhalt das erste Mal nicht verstanden hätte, sondern weil ich gerne nochmals in die Zeit der Medici von Florenz eintauchen mochte, in die Geschichte der Familie, die unter anderem mit dem Bau der Kathedrale den Reichtum und die Pracht ihrer Stadt verewigen wollte. Dazu faszinierte mich die Gestalt des Kuppel-Architekten Filippo Brunelleschi, der eigentlich Goldschmied gelernt hatte, von Jugend auf aber immer an der Lösung technischer Probleme aller Art interessiert war.
Die Kathedrale hatte schon ein Jahrhundert lang im Bau gestanden, als die Stadt einen Ideenwettbewerb für die Vollendung des Baues mit einem Kuppelanbau ausschrieb. Brunelleschi gewann diesen Wettbewerb und stellte den Stadtbehörden seine Idee von einer riesigen Kuppel vor. Und zwar: Er versprach, sie ohne inneres Stützgerüst und gänzlich ohne Stützpfeiler bauen zu können. Was im Laufe von 18 Jahren geschah.
Der Geschichte des Kuppelbaus bis zur Schluss-Laterne ist für den Leser noch heute atemberaubend. Wie die Ziegel und die gebrannten Steine, der Mörtel und alles Material mit einem Ochsen-Aufzug in die Höhe gehievt wurden, war ein geniales Unterfangen. Entstanden ist die grösste Kuppel der westlichen Hemisphäre.
Die Schilderungen der damaligen technischen Meisterleistungen machen das Buch von Ross King zu einer Dokumentation menschlichen Geistes erster Güte. Dass Brunelleschi zudem an der Entwicklung eines Schiffes mit Schaufelrädern, angetrieben durch ein Tretrad auf dem Schiff selber, beteiligt war, beweist seinen schöpferischen Tatendrang; das Projekt geriet zwar zum Fiasko, weil schon die erste Ladung von Marmorsteinen, die für den Kuppelbau bestimmt waren, in den Fluten des Arno verloren ging.
Wie Brunelleschis Spötter und Neider nicht müde wurden, ihn als Spinner und Phantasten schlecht zu machen, ist zwar tragisch, verrät aber den Zustand der damaligen Gesellschaft. Wie viele unchristliche Verwünschungen den Architekten zeitlebens begleitet haben! Zur Ehre Gottes sei die Kuppel erbaut worden, so meint man. Gut, zu wissen, dass das nicht die ganze Wahrheit ist.
Das Buch ist hinreissend geschrieben und spannender zu lesen als jeder historische Roman. Der Autor Ross King hat minutiös recherchiert. Der Bau der Kuppel zur damaligen Zeit grenzt wohl an ein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Stadt Florenz während der ganzen Bauzeit ständig unter der feindlichen Belagerungen der Herzöge von Mailand stand, und dass in Florenz die Pest jahrelang wütete.
Der Autor Ross King ist in Kanada geboren, hat Literatur und Kunstgeschichte studiert und schrieb das Buch im Jahre 2000; 2003 wurde es von Wolfgang Neuhaus vorbildlich aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.