Buchhinweis im
November
2015
Der geteilte Himmel
Christa Wolf Verlag dtv
Bereichert durch viele neue Einsichten lege ich Christa Wolfs Erzählung „Der geteilte Himmel aus der Hand. Das ist doch eine Erzählung aus der Zeit, die ich hier in der Schweiz auch hätte mitbekommen müssen. Das Schwere, das Menschen in der Ostzone haben tragen müssen, ist an meiner Generation vorübergegangen. Wie hätten wir hier auch Anteil nehmen können? Wir wussten ja nichts.
Doch, es gab die ostdeutschen Schriftsteller, unter ihnen Christa Wolf . Sie hat vom Leben in ihrer Ostzone erzählt, schnörkellos, so, wie es für die einfachen Menschen war. Sie hat aber auch von der Westzone, gewusst, wie es dort war. Man blickte hinüber in eine Welt, mit der man im Osten nicht mithalten konnte. Aber war das Leben im Westen denn einfach nur besser? War es falsch, zu hoffen, dass mit der Zeit, wenn man sie dann nur hatte, nicht eine Gesellschaft aufblühen konnte, wo es ein einfaches, aber gerechteres, sozialeres Leben geben konnte?
Anhand der Erzählung vom geteilten Himmel erlebt der Leser, wie es gewesen sein musste mit der deutschen Teilung. Christa Wolf beschreibt die Tragik jener Jahre auf literarisch hohem Niveau am Beispiel der jungen Frau Rita Seidel und ihrem Freund Manfred. Sie will Lehrerin werden und verdient nebenbei in einem Waggonwerk das Geld für das Studium. Er, Manfred, etwas älter, hat bereits schon einen Abschluss in Chemie und arbeitet in einem Staatsbetrieb. Von einem wissenschaftlichen Kongress im Westen kehrt er nicht mehr nach Ostberlin zurück. Er hofft, seine Geliebte werde ihm eines Tages nachfolgen.
Rita Seidel aber muss in der tiefen Krise eine Entscheidung treffen. Sie bleibt im Osten. Diese Erzählung gab viel zu Stoff für Diskussionen und wurde verfilmt.
Ich habe zum ersten Mal etwas von Christa Wolf gelesen; eine sträfliche Unterlassung, was ich mir jetzt zum Vorwurf mache. Christa Wolfs Prosa ist von ebenmässiger Schönheit, sie schreibt eine wunderbare Sprache. In der Taschenbuchausgabe habe ich wieder und wieder auf den Seitenrändern Anmerkungen und Zeichen zur treffenden Sprache und der Kunst klarer Aussagen eingefügt. Kein Wunder, dass Christa Wolfs umfangreiches Werk mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet worden ist
Sie unterstützte Bürgerrechtler und trat erst 1989 aus der SED aus. Während der friedlichen Revolution war sie im Gespräch für das Amt des ersten freigewählten Staatsoberhaupts der DDR. Damals unterschrieb sie mit anderen Autoren einen Aufruf „Für unser Land“, den viele als Rettungsversuch für die DDR missverstanden.
Sie hat ihr Land, die DDR geliebt, nicht den Apparat, aber die Menschen. Mit der Vereinigung der beiden deutschen Statten hatte sie Mühe, weil sie der Meinung war, Veränderungen müssten aus dem eigenen Land heraus kommen. Sie hatte die Vereinnahmung ihres Landes durch den westdeutschen Kapitalismus befürchtet.
So ist es ja dann auch gekommen, oder nicht?