Buchhinweis im
Dezember
2013
Jetzt, wot‘s seisch.
Kurt Oldani Erinnerungen an das Dorf Tägerig der Vierziger-, Fünfziger- und Sechzigerjahre Eigenverlag Kurt Oldani
Da hat mir Kurt Oldani eine riesige Freude gemacht mit den Erinnerungen an das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Ich muss es frei bekennen: Vieles hatte ich vergessen. Nun ist es wieder präsent. Vielen meiner Altersgenossen wird es ebenso gehen. Für mich ist dieses Buch eine wichtige heimatkundlich-literarische Neuerscheinung.
Es wird da erzählt von kirchlichen Bräuchen und Festen, die früher einmal selbstverständlich gewesen sind. Die Leute gingen zur Kirche, ausser einigen wenigen, die auf all das kirchliche Zeug verzichteten. Das Kirchenjahr prägte das Leben. Der heilige Wendelin, Tägerigs Kirchenpatron, war in Zeiten von Maul- und Klauenseuche der wichtige Helfer in der Not. Es pilgerten die Bittgänger sogar vom Rohrdorferberg über die Brücke im Gnadenthal nach Tägerig, um vom Heiligen Hilfe zu erbitten. Das Wendelinslied klingt noch heute so romantisch-kitschig schön in meinem Ohren fort, und ich höre noch immer, wie mächtig es durch die Kirche hallte. In der Weihnachtsmette sang der Kirchenchor die Lebkuchenmesse mit dem frommen „Benedictus, que venit“. Zur Fronleichnamsprozession spielte die Musik und der Kirchenchor sang die Antwortgesänge vierstimmig. Der Chorleiter Louis Wettstein trug einen schwarzen Frack zur Ehre des Allerheiligsten, der Pfarrer schritt mit der Monstranz in schwerem Brokat unter dem Baldachin durchs Dorf.
Bein Lesen einer solchen Dorfbiographie, so darf man Oldanis Erinnerungen getrost nennen, kommen schon auch Fragen über das „Wer war ich damals?“ und „Warum ist jetzt alles anders?“ Die Lektüre zwingt zu solchen Fragen. Wichtig ist es, dass man die Vergangenheit nicht zu idealisieren beginnt. Es kommen mir sehr wohl auch Erinnerungen an Ungerechtigkeiten hoch, die damals zum Himmel geschrien haben; etwa das Schicksal einzelner Schüler in den riesengrossen Klassen. Ich denke dabei an den parteiischen Lehrer, unter dem mein Klassenkamerad und Freund Willy viel zu leiden hatte.
Das Schicksal der Leute im Armenhaus, von zwei Ingenbohler Schwestern betreut, ist mir noch heute Grund zur Nachdenlichkeit. Irgendwie, so glaube ich, hat jedes Dorf seine diversen dunklen Vergangenheiten. Ich schreibe das bewusst, weil ich mich meiner Jugendzeit im Dorf nie mit nur guten Gefühlen erinnere.
Aber Kurt Oldani hat, und das ist gut so, einem Stück Vergangenheit neues Leben gegeben. Und er hat es verstanden, mit vielen eingestreuten Anekdoten gute Unterhaltung zu bieten (als gewesener Kabarettist vom „Waldschnägg“ und als Entertainer an vielen gelungenen Anlässen hat er vorgemacht, wie das geht). Kurt Oldani war während vieler Jahre Gemeindeamman von Tägerig, Grossrat, sogar mal dessen Präsident, und es gibt kaum eine Kommission oder ein Komitee im Dorf und in der Region Reusstal, wo er nicht dabei gewesen und tatkräftig mitgemacht hat. Dabei ist er selber zum Subjekt geworden, das unvergessen bleiben wird. Komplimente soll man den Leuten machen, solange sie noch unter uns sind und nicht erst in der Grabrede.
Ich möchte ermuntern, das Buch zu lesen und sich die CD, auf der Oldani selber zu hören ist, zu Gemüte zu führen.
Ob sich die Lektüre auch für Nicht-Tägliger lohnt? Auf jeden Fall. Das Buch ist ein Beispiel, wie jemand mit Vergangenheit kreativ umzugehen versteht und damit vielen Leuten ein Geschenk macht.