Buchhinweis im
Juli
2014
Melnitz
Charles Lewinsky Nagel und Kimche
Das 750 Seiten starke Buch hatte schon seit seinem Erscheinen im Jahre 2006 in meinem Bücherregal gestanden. Meine Frau hatte es gelesen, und ich merkte, wie ihr das Problem mit dem jüdischen Glossar zu schaffen machte. Immer wieder müsse man nachschlagen, was dieses oder jenes jüdische Wort bedeutet. Das war der Grund, warum ich das Buch ungelesen habe stehen lassen bis zu jenem Ereignis im letzten Sommer, als in Endingen der Schauspieler Walter Küng an verschiedenen Plätzen im Dorf aus „Melnitz“ las. Das war für mich wie eine Erweckung. Da wurde an Orten gelesen, die im Buch beschrieben sind; etwa vor dem Haus, in dem eine jüdische und eine christliche Familie wohnten. Mit zwei getrennten Haustüren, direkt nebeneinander.
Der Schauspieler Walter Küng inszenierte die Texte meisterhaft, notabene vor einem überaus grossen Publikum, das man in diesem Ausmass nicht erwartet hatte. Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass in der Synagoge vorher eine Diskussion über die Geschichte des Judentums in der Schweiz mit dem Moderator Roy Oppenheim stattgefunden hatte. Nach dem literarischen Rundgang gab es einen Apero, und anschliessend wurde, wiederum in der Endinger Synagoge, ein wunderbares Konzert mit Klezmer-Musik angeboten. Herrlich war es, in diesem jüdischen Gotteshaus der Musik aus den alten jüdischen Gemeinden aus slawischen Ländern zu lauschen. Ein unvergessliches Erlebnis.
(Eine Bemerkung kann ich mir allerdings nicht verkneifen. Alle Texte stammem aus „Melnitz“, ausser die vortragene Rede von Augustin Keller, die dieser vor dem Grossen Rat in Aarau gehalten hatte. Er ist verantwortlich für die Aufhebung der Klöster im Aargau im Jahre 1841 und hatte sich als späterer Regierungsrat stark für die damaligen Juden und die Anerkennung ihrer Konfession eingesetzt. Es war eine grosse, staatsmännische Rede. Nicht verschwiegen werden darf aber, dass derselbe Keller dafür verantwortlich war, dass Dutzende von Mönchen und Nonnen damals, am 14. Januar 1841, aus ihren Klöstern in die klirrende Januarkälte hinaus getrieben wurden. Das darf doch auch wieder mal in Erinnerung gerufen werden, oder?)
Nun zu Charles Lewinskys Buch. Man muss es gelesen haben. Als Schweizer, als Aargauer, egal ob Christ oder Jude. Was darin alles von Ablehnung und Schikanen, die Juden zu erdulden hatten, macht einen noch heute nachdenklich, es trifft einen irgendwie noch immer. Lewinsky erzählt die Geschichte der jüdischen Familie Meijer, die eben in Endingen wohnt, das zusammen mit Lengnau die Gemeinde war, wo die Schweizer Juden sich hatten niederlassen dürfen. (In beiden Dörfern stehen – heute denkmalgeschützt - noch die Synagogen). Eines Nachts taucht der Jude Janki auf, der fahnenflüchtige Elsässer. Er heiratet Chanele und betreibt bald in Baden einen Stoffladen. Pinchas, ein Verwandter, ist Metzger. Das Schächtverbot, das zu jener Zeit in der Eidgenossenschaft gegen die Juden durchgesetzt wurde, brachte ihn um sein Geschäft. Die Lesung vor dem damaligen Endinger Schlachthaus machte tiefen Eindruck. Familie Meijer expandierte nach Zürich und betrieb dort das schönste Warenhaus der Schweiz. Im Ersten Weltkrieg wären alle Meijers froh, Schweizer zu sein; denn vor dem Zweiten Weltkrieg wurde alles, was jüdisch war, auch bei uns argwöhnisch begutachtet. Wie es den Juden in aller Welt damals ergangen ist, weiss man. Die Familie Meijer hatte Glück, zu den eingesessenen Schweizer Juden zu gehören.
Lewinsky, selber Jude, hat ein wunderbares literarisches Gemälde von der Familie Meijer geschaffen, das Schmerz-Stellen, aber auch viele froh machende Ein-Drücke hinterlässt.
Charles Lewinsky ist 1946 geboren und ist freier Autor in Zürich. Seinen soeben erschienenen Roman „Kastelau“ habe ich gekauft und bin gespannt, wie er den historischen Stoff um den Zweiten Weltkrieg bearbeitet.