Buchhinweis im 
August
 
2014
 

Reise an den Rand des Universums

Urs Widmer
Diogenes

De mortuis nihil nisi bene - über Tote soll man nichts, oder dann nur Gutes sagen.
Vor einigen Wochen ist Urs Widmer in Zürich verstorben. Die Kultur-Elite der deutschsprachigen Schweiz hat nur Gutes über ihn berichtet. Einer der ganz Grossen sei er gewesen, hat es - meist aus dem Mund Gleichaltriger - geheissen. Ich bin auch ein Gleichaltriger, ein 1938er, vor dem Krieg geboren, also fast noch den 68ern zuzurechnen. Was das auch immer heissen mag.
 Urs Widmer beschreibt die Zeit von seiner frühesten Jugend bis dahin, wo er mit dreissig Jahren ernsthaft zu schreiben begann. Das Schreiben habe ihn damals wie ein Sturzbach überfallen.

Eine Beschreibung der ersten dreissig Lebensjahre, wie ihn jeder verfassen könnte. Was Widmer damit wollte, und warum er diesen Teil-Lebensbericht als „Reise an den Rand des Universums“ betitelt, ist mir schleierhaft geblieben. Ich werde den Verdacht nicht los, dass da ein älter gewordener Herr sich noch einmal in Erinnerungen an pubertäre und nachpubertäre Erinnerungen suhlt. Das Buch ist jedenfalls gespickt mit erotischen und sexuellen Erlebnissen. Seine Eltern, mit denen er in früher Jugend im Lötschental jeweils in den Ferien war, haben „es“ auch getan. Er selber später dann auch. In Paris vor allem, in Südfrankreich, Montpellier, Griechenland. Immer war er auf seiner Vespa unterwegs ( dieser Vespa galt seine ungeteilte Wertschätzung).

Widmer hat das Leben genossen. Andere taten es damals auf gleiche Weise.

Ja, war’s denn das?

Nicht ganz. Widmers erster Satz in seiner Autobiographie lautet: „Kein Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiographie“. Widmer will sein letztes Werk als Erinnerungsbuch verstanden wissen. Und dabei findet man sehr wohl wunderbare Beschreibungen von Landschaften, Menschen, gesellschaftlichen Zusammenhängen und Zuständen, wie sie in den Jahren bis weit über das Ende des Weltkrieges herrschten. Mich berührt immer wieder, wie einfach die Leute damals lebten und mit wie wenig man zufrieden war. Warum? Weil ich alles in ähnlicher Form zur gleichen Zeit auch erlebt habe.
 Die Familie Widmer wohnte in Mietwohnungen, bescheiden im „Daigg vo Baasel“. Mehrmals mussten sie umziehen.

Seine Eltern, sagt man, seien der Schatten in seinem Werk. Er hat über beide Elternteile ein Buch verfasst („Der Geliebte der Mutter“ und „Das Buch des Vaters“). Sein Studium an der Uni nahm er zwar von der eher lockeren Seite; aber die Beschreibung der damaligen Verhältnisse an der Universität, das Bild von Edgar Bonjour zum Beispiel, sind ein historisches Dokument aus der Zeit, als die Schweiz noch nicht die von heute war. Vom Schriftsteller Otto F. Walter vernahm ich Neues, Persönliches, Tragisches. Er scheiterte an den Spannungen zwischen dem bewahrenden Oltener Verlag und seinen Ansichten darüber, wie die neue Welt gestaltet werden sollte.

So ist das Erinnerungsbuch Widmers seine persönliche Geschichte aus den für die Welt entscheidenden Kriegs- und Nachkriegsjahren bis 1968. 



Ist diese Zeit das Fundament für das umfangreiche Oeuvre des Schriftstellers Urs Widmer, des etwas sperrigen, zuweilen pfiffigen, humorvollen Schweizer Schriftstellers?