Buchhinweis im
Februar
2012
Das Geheimnis des Kalligraphen
Rafik Schami Verlag dtv
Was jeden Tag von Damaskus zu hören und zu sehen ist: schrecklich. Schrecklicher noch, wenn man in einem Buch von Rafik Schami erfährt, wie es in Damaskus war, als Syrien noch ein relativ freies Land und Damaskus eine der schönsten Städte im Orient war, facettenreich und überreich an lebendigen Geschichten; wie es war, als Muslime, Christen und Juden zwar nicht einträchtig, aber in toleranter Spannung einzelne Viertel belebten. Als Leser erfährt man viel über Leben, Bräuche und Moral in der geschäftigen, gesellschaftlich vielschichtigen Hauptstadt Syriens.
Die Geschichten um die Schönheit der Schrift, die in der Schreibstube des Kalligraphen Hamid Farsi gepflegt und weiter entwickelt wurde, sind rührend und einmalig. Grosse Männer der Stadt bestellten bei Hamid Farsi kunstvoll geschriebene Plakate, Dokumente, Briefe, auch Liebesbriefe für ihre mehreren Geliebten. Er selber arbeitete an einer grundlegenden Reform der arabischen Schrift. Er verlor aber den Kampf gegen den Reform-Widerstand aus einflussreichen islamischen Machtmenschen.
Liebe zwischen Christen und Muslimen war schwierig, fast unmöglich; und trotzdem wird die grosse Liebe zwischen Farsis muslimischer Ehefrau Nura und dem Christen Salman, Lehrling bei Farsi, in einem wundervoll zarten Bilderbogen geschildert. Durch der Erzählkunst Schamis werden dem Leser die Bilder von Menschen Schicksale von der Geburt bis zum Tod, die Gemeinheiten, die Unterdrückung und der Hass ebenso vor Augen geführt wie Geschichten über Vertrauen, Liebe und Geborgenheit. Eine wunderbare Sammlung voller Farbenpracht, wie sie so nur in Damaskus zu finden war.
Das Buchn lebt von Rafik Schamis hoher Erzählkunst. So wundersam, so liebevoll, so ausführlich in den Details der Schilderungen, findet man sie nur bei ihm. Allerdings, man muss sich einlassen auf diese grossen Erzählungen in ihrer Detail-Verliebtheit auf über 500 Seiten. Dem Erzählwerk hat Rafik Schami eine aufschlussreiche „Geschichte von der Schönheit der Schrift“ angehängt, in der die Kunst der Kalligraphie als „Musik für die Augen“ beschrieben ist. Einzigartig, oder? So habe ich es noch nirgends gefunden.
Kalligraphie ist eine einzigartige harmonische und geheimnisvolle Kunst, die sich im Islam entwickelt hat. Ob sie der Ersatz für verbotene Bilder ist, kann nicht eindeutig beantwortet werden. Auf jeden Fall ist es eine faszinierende, hoch entwickelte Kunst. An Kennern gibt’s bei uns leider wenige.
Rafik Schami lebt seit über 30 Jahren in Deutschland. Hier hat er Chemie studiert, und hier begann er gegen die Ungerechtigkeiten in seinem Heimatland anzuschreiben. Er kann dorthin nicht mehr zurückkehren; er würde Gefahr laufen, gefasst und eingesperrt zu werden. Zu viele Texte hat er in seinen Deutschland-Jahren verfasst, die dem Regime seiner Heimat nicht passten. Den Kontakt zu seinen Verwandten in Syrien und die Informationen darüber, was da an Machtmissbrauch, Korruptikon und Unterdrückung abläuft, holt er bei Freunden am Telefon, in Briefen, in Radio und Fernsehen und im Internet.
Als aramäisch-christlicher Araber wurde er in Europa mit vielen Preisen ausgezeichnet. Gegenwärtig engagiert er sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln für die Unterstützung der Opposition in seinem Land.
Eben: was wir täglich in der Presse, am Radio und am Fernsehen über Syrien vernehmen, ist traurig und widerlich zugleich. Für Freiheit und gegen die Unterdrückung in seiner Heimat zu kämpfen ist Rafik Schamis grosses Anliegen.