Buchhinweis im
Juni
2012
Das Kalb vor der Gotthardpost
Peter von Matt Verlag Hanser
In seiner letzten Veröffentlichung beginnt er mit einer Bildbetrachtung zu Rudolf Kollers „Gotthardpost“, dem berühmten Bild, das im Kunsthaus Zürich hängt. Schon in der Kindheit haben wir dieses Bild voller Ehrfurcht und Begeisterung betrachtet. Uns gefiel vor allem Postillon hoch auf seinem Bock, der mit der Peitsche die drei Schimmel um eine der vielen engen Kurven des Gotthardpasses jagt. Vor dem Pferdegespann hat sich ein Kalb von der Weide auf die Strasse verirrt und... Was geschah dann? fragte man sich etwas bange.
Schon im ersten Kapitel vernahm ich von den Hintergründen, die zum Auftrag an den Maler Koller für die Darstellung der Postkutschen-Idylle geführt haben. Das Bild war für den Bahnpionier Alfred Escher in Auftrag gegeben worden. Es sollte davon künden, dass mit dem Bau der Gotthardbahn nun etwas Neues beginnen sollte. Will das Bild das Bisherige nostalgisch verherrlichen, oder sagt es eine neue Zukunft voraus? Von Matt lässt das Bild unter dem Titel „Zur Seelengeschichte einer Nation“ sprechen. Ich las das überaus farbige Kapitel wohl mit vor Staunen offenem Mund.
Und so ging es mir mit der Lektüre des ganzen Buches.
Es ist eine Sammlung von Texten, die von Matt zu verschiedenen Anlässen vorgetragen oder geschrieben hat. Unter den Nachweisen findet man alle Angaben hiezu; man staunt ehrlich über die immense Arbeitskraft des Autors, der in der Schweizer Literaturgeschichte sich wie wohl sonst kaum jemand auskennt. Kommt bei von Matt dazu, dass er so zu schreiben versteht, dass sich einer wie ich immer wie an der Hand genommen vorkommt. Professorales kompliziertes Wortgeklingel findet sich bei ihm nie.
An literarischen Grössen der Schweiz sind neben den allseits bekannten Namen unzählige Künstler berücksichtigt, die man eigentlich noch kennen lernen sollte. Ich frage mich, warum wir alle immer hinter den Bestsellerlisten her sind, wo es doch noch so viele noch nicht gelesene, oder wieder zu lesende Autoren in unserem Land gibt. Man müsste sich bei von Matt in seinen Büchern umsehen.
Der langjährige Professor für Germanistik an der Uni Zürich (Jahrgang 1937) hat nämlich immer wieder Bücher zu Literatur, zur Geschichte und Politik publiziert. Welches seine wichtigsten Bücher sind, ist nicht auszumachen. Ein jedes trieft von neu zu Entdeckendem, von nicht unbedingt Bekanntem, von eigenartigen Zusammenhängen, Familien- und Sippengeschichten, von Ruhm, Neid und Missgunst.
Sie heissen zum Beispiel:
- Liebesverrat, die Treulosen in der Literatur
- Verkommene Söhne, missratene Töchter in der Literatur
- Die tintenblauen Eidgenossen
- Die Intrige, Theorie und Praxis der Hinterlist
- Wörterleuchten, kleine Deutungen deutscher Gedichte.
Peter von Matts Texte lesen sich leicht: sie sind, neben aller Information, amüsant und witzig.
So wie man es doch gern hat, oder nicht?