Buchhinweis im 
Januar
 
2015
 

Kastelau

Charles Lewinsky
Nagel und Kimche

Für atemlose Spannung ist gesorgt, wenn Charles Lewinsy sich eines historischen Stoffes in Romanform annimmt.

Im Mittelpunkt des Romans steht eine Gruppe Filmschaffender, die 1944 mitten im Krieg in Kastelau, einem weit abgelegenen Bergdorf nahe Berchtesgaden, mit Dreharbeiten beginnen will. Hier, in den Bayrischen Alpen, hatte sie den Auftrag, den Streifen „Lied der Freiheit“ zu drehen. Die Gruppe lebt und arbeitet im einzigen Hotel des Dorfes, im „Watzmann“. Hier wird am Drehbuch gefeilt; als Kulisse müssen die hehre Bergwelt und die Schlossruine Lindenburg herhalten.

Lewinskys Roman ist raffiniert komponiert; denn er lebt von Erzählungen, Notizen, mündlichen Überlieferungen auf drei Ebenen:

  • Vom Tagebuch des Schriftstellers und Schauspielers Wagenknecht; er dokumentiert alles Geschehen in Kastelau,
  • von Interviews mit der Schauspielerin Tiziana, die aus unerfindlichen Gründen sich auch zur Schauspieltruppe gesellt hat,
  • von den Erinnerungen, die der Bürgermeistersohn auf einem Fragebogen zur Rolle seines Vaters preisgibt.

Tiziana, der Hauptstadt Berlin entflohen, erzählte dem Autor,  in den späteren Achtzigerjahren, wie sich in ihrer Erinnerung alles abgespielt hatte. Jetzt, nachdem der Krieg vorbei war, trat sie als intime Zeugin des damaligen Lebens in Kastelau auf. Der Sohn des Bürgermeisters erinnert sich an seine Jugenderlebnisse in Kastelau. Er erzählt von den Erwartungen des Vaters, der ein glühender Nazi war, und an die Aktionen des dörflichen Vereins der Hitlerjugend.

„Kastelau“ ist ein Roman, der für einmal ohne all die Schilderungen von furchtbarem Kriegsgeschehen auskommt, die man schon so oft mitbekommen hat. Lewinsky sorgt ein weiteres Mal für eine begeisternde historische Erzählung in Romanform, dessen Hintergrund der Krieg, der Vordergrund aber das tragisch-komische Leben in Kastelau ist. Kompositorisch wie sprachlich ist das Ganze ein spannend zu lesendes ein Meisterwerk.
Nach dem grandiosen letzten Werk „Melnitz“ war man gespannt, ob Lewinsky wohl mit „Kastelau“ schon wieder ein grosser Wurf gelingen würde. Es ist so.

Charles Lewinsky gehört zweifellos zu den grossen Schweizer Schriftstellern. Er ist ein aufweckender Schreiber, dem man für wichtige Einsichten dankbar ist.