Buchhinweis im 
Mai
 
2008
 

Heimsuchung

Jenny Erpenbeck
Roman
Eichborn Verlag, Berlin

Woher ich meine Bücher habe? Bestsellerlisten interessieren mich meistens nicht.

Eher lese ich Buchbesprechungen in Zeitungen und Zeitschriften, Verlagsmitteilungen und Bücherkataloge; wenn ich Zeit habe, schaue ich mir Literatursendungen am Fernsehen an oder höre solche am Radio.

Da wurde kürzlich in einer Sonntagszeitung Jenny Erpenbecks, einer ostdeutschen Schriftstellerin, neuer Roman „Heimsuchung“ besprochen. Ein Buch sei es, das tief in die deutsche Vergangenheit reiche und in der Gegenwart ende. Nach der Lektüre legte ich das aufwühlende Buch tief bereichert aus der Hand. Ich möchte den Roman sehr empfehlen.

Der Dichterin lässt den Leser teilhaben am Leben der Menschen, die während der letzten 100 Jahre ein Sommerhaus in der Nähe Berlins als Besitzer, Mieter, Untermieter oder als Besucher bewohnt haben. So erzählt sie zwölf Lebensgeschichten aus der Zeit des Kaiserreichs, der Weimarer Republik, der Nazizeit, der Zeit des Zweiten Weltkriegs, des Kriegsendes, der Wende und der Wiedervereinigung. Die Bewohner in den genannten Epochen tragen keine Namen; der Leser lernt sie unter den Berufsbezeichnungen kennen wie „Der Architekt“, „Der Rotarmist“, „Die Schriftstellerin“ etc.

Nur der Gärtner blieb über viele Jahre derselbe; er verbindet wie leitmotivisch die einzelnen Epochen, ein schweigsamer Mann, fast nur ein Schatten, der mit den Bienen und den Pflanzen redet, sät und erntet, mäht und zum Rechten schaut.

Das vormals stattliche Haus mit Seeanstoss, Bootssteg, Wiesen und Wald, wird am Ende mit dem Sortiergreifer des Löffelbaggers Stück für Stück von oben nach unten abgetragen und in den dafür vorgesehnen Container verladen; denn nach der Wiedervereinigung ist das Haus einem Spekulanten in die Hände gefallen.

Sicher hat das Buch einen biographischen Hintergrund, den man aber nicht kennen muss, um es zu verstehen: Keine blosse Ansammlung von Geschichten, sondern ein kunstvoll gebautes Werk während wechselnden politischen Vorzeichen. Was Jenny Erpenbeck mitteilt, ist ein Stück Wirklichkeit, genau und sorgfältig beschrieben, mit funkelnden Details, in meisterhaft formulierter Sprache. Als Leser ahnt man, dass die Dichterin längst nicht alles erzählt, was sie zu erzählen hätte. Sie lässt uns teilhaben an deutscher Vergangenheit und schreibt Geschichte auf höchstem Niveau; dies bloss an Hand eines kleinen Grundstücks im grossen Deutschland.

Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Ostberlin geboren und lebt da noch heute als freie Schriftstellerin und Regisseurin. Sie machte zuerst eine Lehre als Buchhändlerin, dann studierte sie Theaterwissenschaft und Regie. „Heimsuchung“ ist ihr dritter Roman. Ihre Bücher und zwei Dramen sind in 14 Sprachen übersetzt.