Buchhinweis im
September
2009
Das dreifarbene Meer
Silja Walter Paulus-Verlag
Schon seit vielen Jahren fragte ich mich, wie wohl eine Dichterin hinter Klostermauern lebt. Silja Walter wurde mir schon im Seminar in den Fünfzigerjahren nahe gebracht. Mein Deutschlehrer, Dr. Heinrich Meng, hatte offenbar einen besonderen Draht zur Nonne im Kloster Fahr. War er doch in Wettingen bei der Sternsingern involviert; und Silja Walter hatte das Sternsingerspiel von Wettingen geschrieben. Als bekennender Katholik war Heinrich Meng ganz offensichtlich stolz darauf, dass es da im nahen Kloster Fahr eine Nonne gab, die so wunderbare Lyrik, Mysterienspiele und Texte schuf.
„Im Walde blüht der Seidelbast“ und „Mein kleiner weisser Hund und ich“ gehörten schon früh zu den Gedichten, die ich mochte und liebte. Aber das von einer Frau im Kloster? Irgendwie hatte ich früher immer Fragen zum Werk von Silja Walter. Und darüber hinaus wusste man ja immer, dass in einem geschlossenen Benediktinerinnenkloster Regeln gelten und dass Gebet und Arbeit der Leitspruch sind. Und wie kann dann eine Sr.Maria Hedwig unter ihrem bürgerlichen Namen Silja Walter ihre Werke publizieren? Wie geht das?
Die Antwort auf meine Fragen bekam ich mit der Lektüre des genannten Werkes „Das dreifarbene Meer“. Ich habe es an einem Abend von Anfang bis zum Ende in einem Zug gelesen. Ich kam nicht mehr davon los. Eine Rolle mag gespielt haben, dass meine Frau Annette in jenen Tagen schwer krank im Spital im Sterben gelegen hatte und ich zwischenhinein einer Ablenkung bedurfte.
Und nun hatte ich Antworten auf viele meiner Fragen. Dass es wohl nicht einfach sei, im Kloster als Dichterin den Freiraum zum Schaffen zu erhalten, hatte ich mir gedacht. Aber dass es so war, erstaunte mich schon. Die Überwindung vieler äusserer Widerstände war die grosse Herausforderung für Silja Walter, als Schwester M. Hedwig im Kloster der Benediktinerinnen im Fahr bei Unterengstringen. Dann und wann wieder eckte sie beim Konvent wegen ihrer etwas unkonventionellen Ideen an. Doch ihren Platz in der Gemeinschaft hat sie gefunden und blieb künstlerisch bis in ihr heutiges hohes Alter von 90 Jahren immer aktiv. Ihr Buch „Das dreifarbene Meer“ ist ein Rückblick auf ihr Leben im Kloster und auf das spannende Feld zwischen ihrem Glauben an Gott, dem klösterlichen Leben und ihrem künsterlischen Schaffen, das neben der Arbeit mit der Sprache auch das Zeichnen und Malen einschliesst.
Das Buch vermittelt einen Blick auf die Verleger-Familie Walter, ihren Dichterbruder Otto F. Walter, auf ihre Jugendzeit und ihr frühes dichterisches Werk (mit den zwei oben genannten Gedichten), auf Erkrankung und ihren Entschluss, im Kloster Fahr um Aufnahme zu bitten. Dies nach einem entscheidenden Erlebnis am Schwarzsee. Es ist ein äusserst liebenswertes, spannendes, und auf hohem Niveau unterhaltendes Buch. Mit vielen Bildern ausgestattet, ist es ein informatives Werk über ein spannungsreiches Leben als Benediktinerin und Dichterin hinter Klostermauern.