Buchhinweis im 
Januar
 
2010
 

Mehr Meer

Ilma Rakusa
Literaturverlag Droschl

Selbstverständlich verfolge ich immer die Verleihung literarischer Preise. Ilma Rakusa war vor der Verleihung des Schweizer Buchpreises, des mit 50'000 Franken höchst dotierten Literaturpreises der Schweiz, einem breiteren Publikum unbekannt.

Als ich davon las, dass die Autorin der Schilderung ihrer Triestiner Jugend einen weiten Raum gibt, zögerte ich nicht, das Buch zu kaufen. Denn Triest, das weiss ich aus eigener Anschauung, ist eine wunderbare Stadt. Es ist die Stadt, in der auch der Dichter Claudio Magris lebt und schreibt.

Ilma Rakusa, 1946 geboren, Tochter eines slowenischen Vaters und einer ungarischen Mutter, lebte als Kind in Budapest, Leibach, Triest und Zürich, wo sie noch heute ihren Wohnsitz hat. Sie war nie irgendwo zu Hause, lebte immer zwischen den Kulturen, fand aber als „Unterwegskind“ ihre Heimat in Musik und Literatur. Ihr „Daheim“ ist das „Dazwischen“. Geblieben ist ihre Sehnsucht nach dem Osten. Deshalb auch ihre Übersetzertätigkeit von Literatur osteuropäischer Sprachen ins Deutsche. Rakusas sprachliche Heimat ist das Deutsche. Als Übersetzerin möchte sie Brücken bauen. Sie habe kein Kinderzimmer gehabt, dafür drei Sprachen, um über zu setzen in andere Kulturen, sagt Ilma Rakusa über ihre Kindheit.

Das Buch ist voller wunderbar poetischer Szenen und Erzählungen aus verschiedenen Gegenden der Erde. Die Dichterin füllt alles mit Poesie. Das ist für den Leser ansteckend. „Wunderbar, wie und was sie da beschreibt“ dachte ich mir oft beim Lesen. Es ist kein eigentlicher Roman: Im Untertitel heisst es, das Buch beinhalte „Erinnerungspassagen“.

In Triest verlebte sie einen schönen Teil ihrer Kindheit. In der Stadt mit einer Grenze zum damaligen Ostblock, zu dem Slowenien gehörte. Heute ist keine entzweiende Grenze mehr auszumachen. Die Beschreibung des Meers mit seinen wechselnden Stimmungen, Farben, Wellen lassen einen teilhaben an einer unbeschreiblichen Schönheit der Lage dieser Stadt. Und dann der riesige, weite Platz, auf drei Seiten
von stattlichen Palästen und Gebäuden begrenzt; die vierte Seitenlinie bildet die Weite der Adria.

Wer im Geiste auf Reisen gehen und sich dafür ein schönes Buch mit Reiseerlebnis und Lebenserinnerungen vornehmen möchte: Mehr Meer mit seinen etwas mehr als 300 Seiten drängt sich auf. Dem Leser tun sich Schönheit und Reiz vieler europäischer Städte, Dörfer und Landschaften auf. Gern lässt man sich begeistern.