Buchhinweis im 
November
 
2010
 

Geschichte der Schweiz

Thomas Maissen
Hier und Jetzt
Verlag für Kultur und Geschichte, Baden

Was ich in Schulstuben an Schweizergeschichte schon alles zu lernen hatte, und wie ich Geschichte früher als Lehrer begeistert selber unterrichtet habe!

Und nun dieses Buch. Eine umfassende, fesselnde Erzählung, ohne fett gedruckte Namen oder Fakten, ohne Jahrzahlen am Rand, ohne minutiöse Schlachten-Schilderungen, ohne Mythen, ohne Heldensagen. Sachlich erzählt, bauend auf den neuesten Stand der Forschungen in 13 Kapiteln, jedes für sich ein einziges Lesevergnügen. Das Buch kommt ohne viel Bilder aus; am Anfang jedes Kapitels steht ein ganzseitige Schwarzweiss-Bild. Aber am Schluss aber findet sich eine so genannte „kommentierte Bibliografie“, in welcher der Autor auf acht Seiten auch andere, weitere Werke zum Thema Schweizer Geschichte zu würdigen weiss.

Bücher über Schweizer Geschichte - Geschichte überhaupt - interessieren mich immer. Für eine erste persönliche Übersicht nehme ich mir jeweils die Passagen zu bestimmten Themen vor; die Villmerger Kriege, zum Beispiel. Wie stellt der Autor sie dar? Waren es Kriege, in denen eidgenössische Brüder „um ihre Glaubens willen“ den Tod gefunden haben, wie es auf dem Villmerger Schlachtdenkmal in Stein gemeisselt ist? Oder gab es da noch andere Gründe und Umstände? Gibt es heute neuere Einsichten? Standen nicht doch noch andere Interessen im Vordergrund, um zwei Bruderkriege zu riskieren?

Thomas Maissen stellt klar, dass den verbündeten Eid-Genossen nichts anderes übrig blieb, als nach vielen politischen Wirren das fast Unmögliche zu versuchen, nämlich mit zwei verschiedenen religiösen Bekenntnissen weiter zu leben. Es waren weniger religiöse, denn politisch-wirtschaftliche Gründe, die zu den Villmerger Schlachten geführt hatten.

Es nimmt mich wunder, wie im für nächstes Jahr geplanten Landschaftstheater zur 300-Jahrfeier der Zweiten Villmerger Schlacht (es soll beim Schloss Hilfikon stattfinden) diese neue Interpretation szenisch umgesetzt wird. Ob man bei der alten Vorstellung bleibt, dass „Brüder um ihres Glaubens willen“ einander umgebracht haben?

Eine für mich wichtige neue Erkenntnis nach der Lektüre von Maissens Geschichte der Schweiz: Die Eidgenossenschaft gab es bis weit in die Neuzeit hinein nur bedingt. Viele Bündnisse und Verträge untereinander oder mit Nachbarn waren Angelegenheiten einzelner, oder einer Mehrheit der Stände. Die Zürcher zum Beispiel betrieben gern ihre selbständige Aussenpolitik.

Thomas Maissen, 1962, ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Heidelberg. Er arbeitet regelmässig als Kommentator in Zeitungen und im Fernsehen (Sternstunde Geschichte). Das letzte Kapitel seines Werkes heisst „1989 und die Folgen“. Auch ihm gelingt es meiner Meinung nach nicht immer, neueste Geschichte neutral darzustellen. Dennoch: ich schätze die klare Meinungsäusserung auch bei komplexen Europafragen, auch wenn ich anderer Meinung bin.

Maissens „Geschichte der Schweiz“ ist ein grosser Wurf. Ich kann die Lektüre gerade jenen Lesern besonders empfehlen, die aus der Schulzeit das Fach Schweizer Geschichte in wenig guter Erinnerung haben. Sicher!