Lesen ist für mich schon vom Wichtigsten. Ohne Bücher könnte ich nicht sein. Literatur kann wie Philosophie, Wissenschaft oder Religion die Welt erklären. Literatur ist ein immerwährendes Entfalten von Einsichten.
Gedanken zur Zeit im
Januar
2010
Defizite in Geschichts-Bewusstsein
Jeder hat bekanntlich einen Vogel. Bei mir ist er römisch. Ich werde Monats- und Jahreszahl – fortan mit römischen Zahlen schreiben.
Mein Vogel ist ein pädagogischer. Seit ich gemerkt habe, dass viele, viele Leute auch einfache römische Zahlen zu lesen nicht mehr im Stande sind, will ich ihnen auf meinen Briefen und Schreiben künftig etwas zu studieren geben. Den 13. Januar 2010 schreibe ich zum Beispiel nur noch so: XIII. I. MMX. Als Protest gegen ein nur noch rudimentär vorhandenes Geschichtsbewusstsein unserer Gesellschaft.
Das stelle ich in meinem Dorf, wo ich wohne, fest. Wenige Leute sind es, die noch über Kenntnisse der Dorfgeschichte verfügen. Schlimm, dass es den Unwissenden völlig wurst ist, was da früher war. Dann staunen sie, wenn es einmal im Jahr in den Pfarrei-Mitteilungen heisst: „Gedächtnismesse für die Gefallenen der beiden Villmerger Kriege“. Die sind zwar vorbei; aber dieses Gedenken wird urkundlich gefordert, und ist noch heute gültig. Genau wie das Läuten der grossen Glocke jeden Freitagnachmittag um drei Uhr. Weil im Jahre 1865 die Erben des damaligen Löwenwirts Kaspar Fischbach sel. den Betrag von Fr. 1’000, für eine neue grosse Glocke auf den Tisch legten, soll sie „für ewige Zeiten an jedem Freitagmittag um drei Uhr geläutet werden“.
Wenn der Abt des Klosters Muri-Gries, Dr. Benno Malfèr am 20. Februar 2010 im Rahmen eines Pontifikalamtes in der Klosterkirche Muri eine Büste des sel. Habsburger Kaisers Karl einweiht, hat das auch mit der Geschichte meines Dorfes zu tun.
„Da die Pfarrei St. Peter & Paul bis zur Aufhebung des Klosters der Abtei Muri inkorporiert war, und somit unter der Schirmherrschaft des Erzhauses Österreich und der Familie von Habsburg-Lothringen stand, gilt es als schönes Zeichen, wenn unsere Pfarrei in Muri zu dieser besonderen Feier nach Möglichkeit auch vertreten ist.“ Das schreibt mit Recht der Ortspfarrer; ein Beitrag zum Geschichtsbewusstsein seiner Gemeinde.
Es gibt Leute, die meinen, mit etwas „Mundart der veralteten Dinge“ (Chuchichäschtli) sei einem lebendigen Geschichtsbewusstsein Genüge getan. Das stimmt nicht. In den meisten Fällen ist es warme Luft; Heimatschutztheater der billigeren Sorte. Ganz abgesehen von der katastrophalen Mundart-Schreibweise in der Presse. Mundart sei eben „Mund“-art. Und so könne man schreiben, wie man wolle. Wie gescheite Leute sich täuschen können.
Wie also schreibe ich von nun an das Datum auf meinen Briefen? Mit römischen Zahlen. Datum, das Gegebene. Mit dem Geschichtsbewusstsein ging auch das das Verständnis für viele Wörter, die den Sprachen der Griechen und Römer entlehnt sind, verloren.
Ich bleibe Optimist (ein von den Römern entlehntes Wort).
Im Ernst: Habe ich nicht, wie schon zu Anfang gesagt, einen römischen Vogel?