Gedanken zur Zeit im 
April
 
2010
 

Die Schweizer – ein Volk von Lesern.

Das könnte man meinen, wenn man am Morgen auf den Perrons in den Bahnhöfen die Leute stehend lesen sieht. Alle lesen. Und in den Zügen lesen auch alle. Ich scheine einer der Wenigen zu sein, der diese Leserei nicht oder selten mitmacht. Wenn ich an einen Platz komme und auf dem Sitz oder daneben eine Zeitung liegt, lese ich sie ab und zu auch. Dann bin ich eben der Zweitleser. Als Bahnfahrer habe ich mich seit meiner Jugend offenbar nicht weiterentwickelt; denn Bahnfahren heisst für mich noch immer, zum Fenster hinaus die Gegend anschauen. “Aber, wenn du jeden Tag......!“ Ich weiss, müsste ich pendeln, wäre das mit dem zum Fenster Hinausschauen mit der Zeit auch nicht mehr die tägliche Attraktion. Aber ob ich deshalb zum Zeitungsleser würde?

Ich meine zum „20 Minuten-Leser“, zu dem Leser, der mit den Vielen dasselbe zur gleichen Zeit liest. Offenbar kann man die ganze Zeitung in 20 Minuten lesen. Was heisst denn lesen? Nicht Gründe und Hintergründe, einfach „Infos“ oder „News“, grossteils in Form von Bildern. Fussball zum Beispiel: Bild der Torschützen, Torhüter chancenlos. Grossaufnahme. Das ist Info. Wie war das denn früher? Wir hörten uns am Sonntagnachmittag einen Fussballmatch an, kommentiert von den Sprechtalenten Gody Baumberger oder Hans Sutter. Zuhörend, und uns dabei den Spielverlauf vorstellend. Am andern Tag kam kein Bild in der Zeitung.

Es hat eine Verlagerung vom Hören zum Sehen stattgefunden. Nachrichten am Radio hiessen früher „die Nöischte“. Hören findet zwar schon noch mittels iPods und anderen Geräten statt. Wo man hinschaut, wird gehört; Augen zu und hören, Abstand nehmen von der Mitwelt und nur noch bei sich sein.

Gegen Leser und Hörer habe ich überhaupt nichts. Nur gegen die lauten Telefonierer habe ich etwas. Ich selber hätte echt Hemmungen, inmitten von Leuten in aller Lautstärke ein telefonisches Gespräch zu führen. Es gibt natürlich auch da gewisse Unterschiede. Erhält jemand von seinem oder von seiner Liebsten ein Grüessli, Küssli und Tschüssli, dann mag das ja noch gehen; irgendwie herzig.

Auf den Wecker geben mir diejenigen, die in aller Lautstärke aus organisatorischen Gründen verbunden sind mit ihrem Büro, mit einer Lagerhalle oder mit einem Supermarkt. Beeindruckt mich überhaupt nicht, regt mich im Gegenteil auf. Ich finde solches Telefonieren eine ekelhafte Wichtigtuerei und frage mich, was das wohl für Betriebe sind, die auf diese Weise funktionieren sollen.

Wer mit der Bahn fährt, lernt die Welt besser kennen.