Gedicht des Monats im im 
Juli
 
2012
 

Das weisse Spitzchen

Ein blendendes Spitzchen blickt über den Wald,
Das ruft mich, das zieht mich, das tut mir Gewalt:

"Was schaffst du noch unten im Menschgewühl,
Hier oben ists einsam! Hier oben ists kühl!

Der See mir zu Füssen hat heut sich enteist,
Er kräuselt sich, flutet, er wandert, er reist.

Die Moosbank des Felsens ist dir schon bereit,
Von ihr ists zum ewigen Schnee nicht mehr weit!"

Das Spitzchen, es ruft mich, sobald ich erwacht,
Am Mittag, am Abend, im Traum noch der Nacht.

So komm ich denn morgen! Nun lass mich in Ruh!
Erst schliess ich die Bücher, die Schreine noch zu.
Conrad Ferinand Meyer lebte von

Leis wandelt in Lüften ein Herdegeläut:
"Lass offen die Truhen! Komm lieber noch heut."

Conrad Ferdinand Meyer


C. F. Meyer lebte 1825 bis 1898 in Kilchberg am Zürichsee und war als war als Dichter des Realismus Verfasser von Novellen, Romanen und lyrischen Gedichten meist historischen Inhalts. Er gehört mit Gottfried Keller und Jeremias Gotthelf zu den bedeutendsten Schweizer Dichtern des 19. Jahrhunderts.