Gedanken zur Zeit im 
Juni
 
2011
 

Einkehren

Schon in meiner Kindheit gehörte zu einer Wanderung oder zu einer Velotour das Einkehren. Richtig Halt machen und in einer Wirtschaft etwas trinken, den Durst löschen, und wenn man Hunger hat, etwas essen. Was gibt’s Schöneres, als nach einer Wander- oder Velotour, sei sie in Länge und Umfang auch bescheiden gewesen, einzukehren?

Das Wort „kehren“ beschäftigt mich, seit mir ein alter Mann und Witwer, der allein wohnt, dessen Kinder ausgeflogen sind und irgendwo im Aargau ihren Wohnsitz haben, folgendes sagte: Er könne Vieles schon noch allein machen, wenigstens könne er kochen. Aber jede Woche komme seine liebe Tochter vorbei, um bei ihm „de Cheer zmache“. Da taucht der Begriff vom Kehren wieder auf: Aufräumen, Saubermachen, damit alles wieder seine Ordnung hat.

Gab es da früher nicht noch die Einkehrtage, angeboten von kirchlichen Bildungshäusern? Die Tage der Einkehr waren dazu da, innerlich wieder Ordnung zu machen. Einkehr halten auf einer Wanderung, etwa in einer schönen Kirche oder in einer Kapelle, bekommt der Seele wohl. Es heisst Anhalten, Verschnaufen, für eine kurze Zeit der Stille Raum geben. Nach solcher Einkehr mag es einem ähnlich gehen wie nach der Einkehr in einer Wirtschaft oder in einem Rasthaus: Man nimmt zufrieden, froh und gestärkt den Weg wieder unter die Füsse.

„Wer rastet, der rostet“, heisst zwar ein salopper Spruch; erfunden wohl von tatenfreudigen, eifrigen Volksbildhauern. Davon gibt’s heute mehr denn je. Keine Zeitung, keine Zeitschrift, keine Reklame am Fernsehen oder sonst wo, ohne dass man mich daran erinnert, Aktivsein, Bewegung und Sport seien die Allheilmittel für ein glückliches Dasein. Krankenversicherung und staatliche Stellen werden ihrerseits nicht müde, auf den Body-Mass-Index zu verweisen und mir zu raten, wie ich gesund leben und einst gesund sterben könnte.

Rasten hat etwas mit Ruhe und Einkehr zu tun. Wozu wären dann im Laufe des Jahres die immer wiederkehrenden Feste gut, wenn nicht zum Rasten, zum Anhalten, zum Ausspannen? Ich meine kirchliche wie weltliche Feste. Sie stehen im Jahreslauf wie Rasthäuser am Weg, damit wir auftanken und uns selber sein können. Wer richtig einkehrt und zu rasten weiss, geht verwandelt weiter. Kehren heisst nicht um-kehren, sondern sich der Ruhe und dem Verändern stellen.

Wie heisst es doch, wenn sich etwas ändert? „Es cheert!“

Da kommt mir noch das schöne Gedicht von Ludwig Uhland in den Sinn, das von einer Einkehr handelt:

Bei einem Wirte wundermild
Da war ich jüngst zu Gaste.
Ein goldner Apfel war sein Schild
An einem langen Aste.

Es war der gute Apfelbaum
Bei dem och eingekehret;
Mit süsser Kost und frischem Schaum
Hat er mich wohl genähret.