Lesen ist für mich schon vom Wichtigsten. Ohne Bücher könnte ich nicht sein. Literatur kann wie Philosophie, Wissenschaft oder Religion die Welt erklären. Literatur ist ein immerwährendes Entfalten von Einsichten.
Gedanken zur Zeit im
August
2008
Geh aus, mein Herz, und suche Freud
Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben.
Schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben.
Das Gedicht hat noch weitere 14 Strophen! Der Dichter heisst Paul Gerhardt; er lebte von 1606 bis 1676, ward in Sachsen geboren, hatte in Wittenberg Theologie studiert und wirkte u. a. in Berlin.
Vielleicht ist jemand dem Gedicht in der Singstunde oder im Chorgesang begegnet, als sich Lehrer noch getrauten, den Schülern ein „frommes“ Lied zuzumuten.
Paul Gerhardt wird nicht müde, die Schöpfung in der Natur zu loben, indem er alles aufzählt, was ihm auf dieser Erde an Schönheit und Wundern begegnet:
Bäume, Narzissen, Tulpen,
die Lerchen, Tauben, Nachtigallen,
die Glucke, die ihre Jungen ausführt,
den Storch, die Schwalben,
Hirsche und Rehe,
den Bach, die angrenzenden Wiesen und
die Hirten mit den Schafen,
die Bienen und die Reben.
Eigentlich ein ganz „grünes“ Gedicht. Sozusagen ein ökologisches. Eines im Dienste der Bewahrung der Schöpfung und der Erhaltung der Artenvielfalt. Ein Gedicht voll des Lobpreises für Natur und Umwelt.
Warum tut man sich heute mit so genannt „alten“ Texten so schwer, wenn man sonst durchaus bereit ist, jetzt in den Ferien allen möglichen Altertümern und fremden Kulturen nachzurennen, alte Kunst und Architektur zu bestaunen, sich alte Musik in historisch gesicherter Originalbesetzung anzuhören und dergleichen mehr? Ist es eine gewisse Scheu zum Bekenntnis oder fürchtet man, als Gestriger zu gelten?
Die Sprache der Alten – wenn sie dazu noch Theologen sind wie Paul Gerhardt - ist direkt, sie fordert. Weitere Kommentare erübrigen sich meistens.
So lese ich ebenso gerne Texte aus dem Barock, wie ich Architektur und Kunst aus dieser Zeit respektiere und liebe.
Sommerzeit ist Ferienzeit. Zeit des Dankes für Sinne, Sinn und Sinnliches. Paul Gerhardt sagt sogar, das grosse Tun des grossen Schöpfers wecke in ihm alle Sinne.
Der Sommer 2008 mit all seiner Pracht ist durchaus vergleichbar mit der Sommerzeit, die Paul Gerhardt um 1650 herum in seinem Gedicht preist. Wir leben zwar in einer anderen Zeit. Aber: der Freude an allem Schönen Ausdruck zu geben, war Paul Gerhardts wesentliches Schaffens-Element. Er gab den Sinnen und dem Sinnlichen breiten Raum.
Das erstaunt uns Heutige doch eher, oder nicht?