Lesen ist für mich schon vom Wichtigsten. Ohne Bücher könnte ich nicht sein. Literatur kann wie Philosophie, Wissenschaft oder Religion die Welt erklären. Literatur ist ein immerwährendes Entfalten von Einsichten.
Gedanken zur Zeit im
Oktober
2016
Orgelherbst
Das Präludium in C-Dur von Böhm war das erste Stück im Programm des Organisten an der Versöhnungskirche in Waldshut.
Ich war einigermassen entsetzt über das Tempo. So kann man das nicht spielen, denn im Pedalsolo wurde es „ohrenscheinlich“: So können vor allem die grossen Pfeifen kaum zum Klingen kommen. Und in den Manualen herrscht Mischmasch; man hört keine einzelnen Stimmen mehr. Das Ganze wird zum bombastischen Klangteppich.
Ich muss es einmal mehr beklagen: Einer Choralbearbeitung wie „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ ohne Choralmelodie am Anfang oder am Schluss, fehlt das Fundament. Zwingend wäre nach Meiner Meinung sogar der Text, der wiederum das Fundament der Choralmelodie ist. Mit einem ganz schlichten Choralsatz hätte man Böhms wunderschöne Bearbeitung enorm bereichern können.
Beim Geigenbauer Martin Schleske habe ich in seinem brillanten Buch DER KLANG die folgenden Gedanken mitbekommen:
„Der Musiker soll an seinem Instrument nicht ein Artist und Perfektionist sein. Das macht die Sache langweilig, und die Sprache der Musik verliert ihr Charisma. Er sollte die Herzen trösten, sie berühren, sie segnen. Er könnte in er Musik eine Sprache des Himmels hörbar machen, die uns gegeben ist, damit wir fähig sind die Welt zu ertragen und sie trotz aller Widrigkeiten zu lieben.“
Ein Organist müsste lernen, die einzelnen Stimmen hörbar zu machen; dazu müsste er sich viel Zeit nehmen und sich im Kirchenraum herumhören, welches die idealen Tempi beim gegebenen Nachhall sein könnten; das sind sie dann, wenn der Zuhörer versteht, was gespielt wird. Das hat unser Gastorganist ganz offensichtlich nicht getan. Mich hat das Konzert nicht überzeugt. Wenn ich mir vorstelle, wie Esther Sialm, Pater Theo oder Monika Henking einige der Werke, die auf dem Programm standen, spielen, dann war das heutige Konzert ein richtiger Nonvaleur.
Aus welchem Grunde denn spielen einzelne Leute ihre Stücke in einem so horrenden Tempo? So kann von Gestaltung keine Rede mehr sein. Vom „Stylus fantasticus“ liegt nichts mehr drin. So komme ich mir als Besucher vor wie einer, der ins Konzert kommt, um schöne Geschichten zu hören. Ich wurde aber mit Zaubereien abgespeist.
Das Schönste war die Zugabe am Schluss. Sauber, durchhörbar, reinste Freude am kerngesunden Klangdieser Flöte 8’ und an den schönen Melodiebögen. Hier war vom inneren Inneren Reichtum des Instrumentes das zu spüren, was mich im Herz erreicht hat.
Man verstehe mich nicht als Kritikaster! Einiges habe ich sehr genossen. Frank Martins Agnus aus der Messe für zwei Chöre und Mendelssohns Ouvertüre zum Oratorium „Paulus“ habe mich davon überzeugt , dass auch auf einer Orgel klassischer Disposition (ohne Schwellwerk, ohne Setzer) sehr wohl romantische Werke überzeugend dargestellt werden können. Und bei Antons Heillers Tanz-Toccata haben mich weniger das Werk als solches, sondern die ausgeklügelten Klangeffekte begeistert. Die müssen einem zuerst mal in den Sinn kommen. Ich meine damit den Komponisten wie den Interpreten.