Lesen ist für mich schon vom Wichtigsten. Ohne Bücher könnte ich nicht sein. Literatur kann wie Philosophie, Wissenschaft oder Religion die Welt erklären. Literatur ist ein immerwährendes Entfalten von Einsichten.
Gedanken zur Zeit im
Januar
2011
Heimat - was auch immer darunter zu verstehen ist
In der Mundart gibt es die Wendung vom „hei tue“. Wenn man von einer Person nicht weiss, woher oder aus welcher Familie sie kommt, dann heisst es; „I cha ne nid hei tue.“ Umgekehrt heisst das, dass man von einem Menschen, den man kennt, weiss, von wo er kommt und wo er hingehört; mit anderen Worten, wo er daheim ist. Man kannihn eben „hei tue“.
In Josef Villigers Gedicht aus dem Jahre 1981 gibt’s einen schönen Zusammenhang vom heigo und äneghöre:
Es stod
e chrummi Före
vor mim Hus.
und chumi
zobig spot
zur Wirtshustüre
us
und gone hei
zmittst i de Nacht -
zeigt mir
vo witem scho
mi chrummi Före
woni äneghöre.
Eben, wohin gehört man, und wo ist man daheim, wenn man dann heim geht?
Wo ist das Heim, in das ich gehöre? Darf man also fragen, ob da, wo man wohnt, denn auch Heimat ist?
Meiner Meinung nach hat Heimat zu tun mit dem Vertrauen auf verlässliche Sicherheit in den Beziehungen unter Menschen. Dort, wo ich Vertrauen haben kann, ist es mir wohl. Bei dieser meiner Definition von Heimat, kann sie überall sein und allerorten aufgebaut werden. Heimat ist meine Wohnung, Heimat sind viele Leute, die ich kenne und von denen mir etwas, was „wohl-wollen“ heisst. Heimat kann meine Wohngemeinde sein, auch wenn vieles nicht immer rund läuft und ihr Aussehen heimatschützerischen Ansprüchen mehr denn je nicht mehr Stand zu halten vermag. Heimat kann meine Pfarrei sein, in der ich erfahre, wie es viele Leute gibt, die zusammen in einer Richtung des Vertrauens unterwegs sind.
Heimat ist der Erusbach, der vor den Haustüren unserer Überbauung in seinem Bette murmelnd dahin fliesst. Mit ihm bin ich heimatlich verbunden, wenn ich mir bewusst mache, woher er kommt, wohin er fliesst: Über meine Gemeinde hinaus, zur Schweiz hinaus sogar, am Schluss in die Nordsee. Die in den letzten Jahrzehnten immer zutraulicher gewordenen Stockenten-Pärchen und der Graureiher im Bach sind ein Stück Heimat.
Heimatlich also: Ende gut - alles gut?
Ich glaube, man kann nicht zufrieden sein, wenn man sieht, wie viele Menschen in der Gemeinde, in der ich wohne, heimatlos sind, in Wohnungen als Schlafstätten, verkehrsgünstig gelegen und zu fairem Mietpreis. Man – wer eigentlich ist man? -klotzt gegenwärtig Wohnraum in rauhen Mengen in grüne Wiesen. Das kann aber doch nicht Heimat sein und werden, oder?
Es macht mir auch Sorgen, dass es immer weniger Beizen gibt, wo ich mein Bier trinken, plaudern, schwatzen, lachen, singen (auch das war doch mal üblich!), und wenn’s nötig ist, schimpfen kann. Beizen dieser Art gibt’s immer weniger. Entweder sie gehen ein, oder sie mutieren zu Lokalen mit ausländischem Ambiente (von Pizzeria über Thai bis Chinesisch). Nichts gegen all das; aber ich wünschte mir mal wieder eine neue Beiz mit Schweizer Spezialitäten. Ich meine damit nicht nur Raclette oder dann und wann Metzgete. Einen Chef, der Spezialitäten nach Rezepten von Marianne Kaltenbach - zum Beispiel – feil hat.
Es gibt in Sachen Heimat schon noch einiges zu tun. Oder ist das, was ich hier schreibe, einfach nur Mumpitz?